Ein sterbender AIDS-Patient im Kreise seiner Familie, eine blutdurchtränkte Uniform, ein Priester, der eine Nonne küsst: Kaum ein Unternehmen hat mit seinem Marketing so konsequent gegen Tabus verstoßen wie Benetton in den 1990ern. Die Kampagnen, die unter der künstlerischen Leitung von Oliviero Toscani entstanden, sorgten weltweit für Empörung, Verbote und Schlagzeilen – und haben sich bis heute, über drei Jahrzehnte später, ins kollektive Gedächtnis gebrannt.
Sicher, über polarisierende Kampagnen wird viel mehr gesprochen als über solche, die einfach sympathisch sind. Doch welchen Preis zahlen Marken für die erhöhte Reichweite und die Wiedererkennbarkeit, die ihnen derart provokative Marketingmaßnahmen verschaffen?
Warum Provokation überhaupt funktioniert
Der Grundmechanismus ist psychologisch gut nachvollziehbar: Schockierende oder tabubrechende Werbung überrascht uns, indem sie etablierte soziale Normen verletzt. Diese Überraschung sorgt dafür, dass wir eine Anzeige überhaupt erst bewusst verarbeiten – im Gegensatz zu den vielen tausend Werbebotschaften, die Tag für Tag spurlos an uns vorbeiziehen.
Einen der methodisch saubersten Belege für diesen Effekt lieferten Darren Dahl, Gerald Frankenberger und Rajesh Manchanda bereits 2003 in ihrer vielzitierten Studie „Does It Pay to Shock? Reactions to Shocking and Nonshocking Advertising Content Among University Students“. In zwei kontrollierten Laborexperimenten im Kontext von HIV/AIDS-Präventionskampagnen verglichen die Forschenden die Wirkung schockierender Anzeigen direkt mit eher klassischen Appellen, die auf Aufklärung oder Furcht setzen.
Dabei stellten sie fest, dass schockierende Inhalte bei den Teilnehmenden signifikant mehr Aufmerksamkeit erzeugt. Sie verbessern zudem die Erinnerungsleistung und wirken sich sogar positiv auf das nachfolgende Verhalten aus. Provokation hat demnach einen nachweisbaren kognitiven Effekt: Sie zwingt uns förmlich dazu, hinzuschauen.
Die Grenzen provokativer Werbung: Wirkung ist keine Einbahnstraße
So eindrucksvoll diese Ergebnisse sind, so klar zeigt die Forschung auch, dass der Aufmerksamkeitseffekt an Bedingungen geknüpft ist. Mehrere Studien der letzten zwei Jahrzehnte kommen zu dem Schluss, dass die Wirkung provokativer Werbung stark vom Kontext abhängt: von der Passung zwischen Marke, Produkt und Botschaft, von der Zielgruppe – und nicht zuletzt davon, wie sehr sich das Publikum bereits an Provokation gewöhnt hat.
Denn Provokation nutzt sich ab. Eine Untersuchung unter 300 Probanden der Generation Y kam zu dem ernüchternden Befund, dass schockierende Anzeigen zwar als kreativ wahrgenommen werden, jedoch kaum noch als interessant gelten und keinen messbaren Einfluss auf das tatsächliche Kaufverhalten haben. Die Forschenden zogen ziehen daraus den Schluss, dass Schockwerbung zunehmend an Wirkung verliert, weil das Publikum schlicht abstumpft – ein Effekt, den man aus der Werbewirkungsforschung wie auch von anderen Reizüberflutungsphänomenen kennt.
Es gibt noch einen weiteren Faktor, der beeinflusst, ob Provokation als originell oder als unpassend empfunden wird, und das ist die wahrgenommene Kongruenz, also die Stimmigkeit zwischen Marke, Produkt und Schockmoment. Ekel oder gar Ablehnung entsteht vor allem dann, wenn der Tabubruch nicht zum Marken imagepasst. Provokation ist also kein Selbstläufer, sie ist ein Instrument, das nur dann funktioniert, wenn Botschaft und Absender zueinander passen.
Die Schattenseiten: Wenn aus Aufmerksamkeit Ablehnung wird
Der eigentlich kritische Punkt liegt jedoch woanders: Auch wenn eine provokative Kampagne kurzfristig Aufmerksamkeit generiert, kann sie langfristig dennoch Ablehnung erzeugen – und verspielt damit genau das, das Marketingabteilungen eigentlich erzielen wollen: Vertrauen und Kaufbereitschaft.
Wie handfest dieses Risiko sein kann, zeigte schon 2012 eine Studie von Ouidade Sabri und Carl Obermiller, die sich mit Tabubrüchen in der Werbung befasst.
Der Studie zufolge führen tabubrechende Werbeanzeigen zu einer signifikant negativeren Einstellung gegenüber der beworbenen Marke und verringerten zugleich die Kaufabsicht. Das gilt insbesondere für Werbung mit sexuellen Tabubrüchen oder mit normverletzendem Bezug zu Tod und Sterben – exakt jene Themen, mit denen Benetton in den 1990ern arbeitete – ist aber nicht auf sie beschränkt.
Ein solcher Effekt setzt nicht einmal voraus, dass eine Marke bewusst provozieren will. Für die Reaktion des Publikums ist zunächst entscheidend, ob eine Botschaft als normverletzend wahrgenommen wird, nicht, ob genau diese Reaktion von den Werbetreibenden beabsichtigt war.
Das zeigt das Debakel um Peloton besonders anschaulich. Pelotons Weihnachtsspot „The Gift That Gives Back“ (2019) zeigte einen Mann, der seiner bereits überschlanken Frau ein Fitnessbike schenkt. Diese Darstellung wurde auf Social Media vielfach als sexistisch und bevormundend kritisiert und löste (unbeabsichtigt) einen erheblichen Shitstorm aus. Innerhalb weniger Tage nach Ausbruch der Kontroverse verlor Peloton rund 1,5 Milliarden US-Dollar an Börsenwert. Zwar lässt sich ein kurzfristiger Börsenverlust weder mit einem tatsächlichen Umsatzrückgang gleichsetzen noch eindeutig auf einen einzelnen Werbespot zurückführen. Der Fall zeigt aber, dass öffentliche Empörung zumindest mit erheblichen wirtschaftlichen Reaktionen einhergehen kann.
Andererseits ist eine geringere Kaufabsicht noch kein Boykott. Ob jemand einer Marke tatsächlich den Rücken kehrt, hängt auch davon ab, ob seine oder ihre Ablehnung stark genug ist, liebgewonnene Gewohnheiten, Markentreue oder schlicht die Bequemlichkeit beim Einkauf zu überwinden.
Daher führt Empörung nicht immer zu niedrigeren Verkaufszahlen, auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ein prominentes Beispiel ist Protein Worlds „Are You Beach Body Ready?“-Kampagne 2015. Die Werbung zeigte ein sehr schlankes Bikini-Model neben der Frage „Are You Beach Body Ready?“. Das provozierte heftige Proteste und zehntausende Unterschriften für die sofortige Einstellung der Werbung. Der Vorwurf: Bodyshaming und die Vermittlung unrealistischer Schönheitsideale. Doch bemerkenswerterweise schlug sich der massive öffentliche Protest offenbar nicht in einem wirtschaftlichen Schaden nieder, dem Unternehmen zufolge stiegen die Verkäufe während der Kontroverse sogar deutlich an.
Gerade die Gegenüberstellung ist aufschlussreich. Zwei Fitnessmarken, zwei Kampagnen mit schlanken weiblichen Körpern, zweimal der Vorwurf problematischer Körperideale und jeweils – wohl unbeabsichtigt – erhebliche öffentliche Entrüstung. Doch wirtschaftlich entwickelten sich die Kontroversen völlig unterschiedlich. Damit illustrieren die Beispiele einen entscheidenden Punkt: Die Lautstärke eines Shitstorms allein verrät wenig darüber, welche wirtschaftlichen Folgen er haben wird. Empörung ist weder automatisch geschäftsschädigend noch ein verlässliches Erfolgsrezept.
Fest steht: Provokation kann aktiv Kaufbarrieren aufbauen – ein Effekt, der besonders in kulturell sensiblen Märkten oder bei tabubehafteten Themen ins Gewicht fällt.
Fazit: Provokation ist ein Instrument mit hohem Einsatz
Die Studien und Fälle zeigen: Provokative Werbung ist ein hochwirksames, aber eben auch hochriskantes Instrument. Einerseits gewinnen schockierende Inhalte zuverlässig Aufmerksamkeit und verbessern die Erinnerungsleistung. Andererseits ist diese Wirkung an Bedingungen geknüpft, die sich nicht beliebig erzwingen lassen: Passung zur Marke, ein Gespür für die Zielgruppe und ein wacher Blick dafür, dass Publikum sich an Provokation gewöhnt und sie mit der Zeit als bloßes Stilmittel statt als echten Tabubruch wahrnimmt.
Und schließlich ist das Risiko real, mit einer allzu gewagten Marketingmaßnahme das Vertrauen und die Sympathie der Konsumentinnen und Konsumenten zu verspielen, auch wenn nicht jede Kritik in tatsächlichen Kaufverzicht mündet. Wer auf Provokation setzt, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, sollte sich daher fragen, wem diese Aufmerksamkeit am Ende gilt: der Marke oder nur dem Skandal selbst.
Quellen:
- Dahl, D. W., Frankenberger, K. D., & Manchanda, R. V. (2003). Does It Pay to Shock? Reactions to Shocking and Nonshocking Advertising Content Among University Students. Journal of Advertising Research, 43(3), 268-280.
- Ouidade, S., Obermiller, C. (2012). Consumer perception of taboo in ads. Journal of Business Research, 65(6), 869-873
- https://www.theguardian.com/media/2019/dec/04/peloton-backlash-sexist-dystopian-exercise-bike-christmas-advert
- https://www.theguardian.com/media/2015/jul/01/protein-world-beach-body-ready-ads-asa
- https://www.theguardian.com/small-business-network/2015/jul/03/all-publicity-good-publicity-protein-world-controversial
- Urwin, B. (2014). Shock Advertising: Not So Shocking Anymore. An Investigation among Generation Y, Mediterranean Journal of Social Sciences 5(21)

